Mehr als 30 Prozent der Gesundheitsfachkräfte in Portugal erleben nach eigenen Angaben häufig psychische Gewalt am Arbeitsplatz. Das geht aus heute veröffentlichten Ergebnissen des EU‑Projekts BRAVE‑WOW unter Leitung der Universität Coimbra hervor. Demnach bewerteten 32,8 Prozent der 1.678 befragten Personen psychische Gewalt als häufig oder weit verbreitet.
Als verbreitete Muster nannten die Teilnehmenden zudem eine systematische Abwertung der Arbeit (30,1 Prozent), Mobbing (24 Prozent) und verbale Gewalt (23,2 Prozent). Körperliche Übergriffe und sexuelle Belästigung wurden deutlich seltener angegeben, mit 1,7 beziehungsweise 2,1 Prozent. Die Auswertung bezieht sich auf einen standardisierten Fragebogen, der in verschiedenen Berufsgruppen des Gesundheitswesens eingesetzt wurde.
Die koordinierende Forscherin Leonor Pais von der Universität Coimbra wird in den Berichten mit den zentralen Ergebnissen zitiert. BRAVE‑WOW untersucht arbeitsplatzbezogene Gewalt, einschließlich geschlechtsbezogener Gewalt, mit besonderem Fokus auf den Gesundheitssektor. Eine ausführliche wissenschaftliche Publikation mit Methodik und Detailanalysen steht laut Projektangaben noch aus; die heute vorliegenden Zahlen basieren auf der Fragebogenerhebung und deren Erstkommunikation über Medienberichte.
Amtliche Statistiken bestätigen den Trend steigender Vorfälle im Gesundheitswesen. Der Serviço Nacional de Saúde meldete für 2025 insgesamt 3.429 registrierte Gewaltereignisse gegen Beschäftigte. Neben körperlichen Attacken wird darin ein hoher Anteil psychischer Gewalt verzeichnet. Die Direção‑Geral da Saúde und Einrichtungen des Serviço Nacional de Saúde haben in den vergangenen Jahren Präventions- und Meldewege ausgebaut; der Dienst kündigte zusätzliche Maßnahmen zur Sensibilisierung, Deeskalation und Nachsorge an.
Die neuen Erhebungsdaten deuten darauf hin, dass weniger sichtbare Formen der Gewalt – etwa Demütigungen, Einschüchterungen oder abwertende Kommentare – im Arbeitsalltag vieler Teams strukturell verankert sein können. Fachleute warnen, dass dies die Arbeitszufriedenheit mindert, Fehlzeiten erhöht und die Versorgungsqualität beeinträchtigen kann. Solange die vollständige wissenschaftliche Auswertung nicht vorliegt, bleibt offen, wie repräsentativ die Stichprobe ist und welche Einrichtungen besonders betroffen sind. Der aktuelle Befund liefert jedoch einen belastbaren Hinweis auf die Verbreitung psychischer Gewalt im Gesundheitswesen Portugals und unterstreicht die Relevanz bereits eingeleiteter Gegenmaßnahmen.
Die Veröffentlichung der Ergebnisse in Coimbra markiert damit einen neuen datenbasierten Bezugspunkt in einer Debatte, die Portugal seit Jahren beschäftigt: Wie lassen sich Beschäftigte im Gesundheitswesen besser schützen, Vorfälle konsequent erfassen und eine Arbeitskultur fördern, die Gewalt in all ihren Formen nicht duldet?
Redakteurin: Mira Cadena (Artikel mit KI-Unterstützung).